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Texte von Stephan Brües über Lateinamerika









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Tikal – Auferstanden aus dem Dickicht der Natur        


Hwaaaaaaaaaaaaaaah u u hwu.tikal_ueberblick 


Gespenstische Geräusche empfangen den Gast im nordöstlichen Tiefland Guatemalas. In das lang gezogene Zirpen der Zikaden und den kurzen abgehackten oder glucksenden Flötentönen der Vögel mischt sich das Rufen der Brüllaffen aus den Höhen der Baumwipfel.

Tikal - das von Menschen geschaffene Zentrum der Mayawelt inmitten der von Gottheiten erschaffenen Natur. Im Miteinander und im Gegeneinander – mit dem Sieger Natur. Aber der Reihe nach. Schon in den Jahrhunderten vor Christus besiedelten Mayafamilien das Gebiet im nach Amazonien größten zusammenhängenden Regenwald Lateinamerikas.

Die Lage an einer breiten Wasserscheide ermöglichte weitere Ansiedlungen und zunehmenden Handel, z.B. mit Teotihuacán. Die Stadt wuchs und wurde nach erfolgreichen Kriegszügen Oberzentrum der Region. Vermutlich 60.000 Menschen lebten dort in einer geschichteten Gesellschaft, die vom Adel und Priestern am oberen Ende bis zu den Bauern am unteren Ende der Hierarchie reichte.

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Die Maya legten Sümpfe trocken und Felder an. Sie bauten Straßen und Wasserreservoirs, errichteten 151 Stelen, 18 Altäre und 10.000 Gebäude . Sie überbauten zum Teil mehrfach die ein Dutzend Tempelanlagen.

Mit dem 65 Meter hohen Tempel IV blickt seit dem Jahr 741 die höchste Pyramide Mesoamerikas über die Baumwipfel.

Der Jaguar-Tempel an der Plaza Mayor ist nicht nur Wahrzeichen Tikals, sondern heute ein wichtiges  Symbol der Nachfahren der Maya. 

Tikal Mitte

Wer an diesem Platz frühmorgens die Stufen des Maskentempels erklimmt und – (wie links auf dem Bild) mit Blick auf den Jaguar-Tempel - den Sonnenaufgang erlebt, wird für immer verzaubert sein. Hunderte Vögel begrüßen den Tag. Bunte Papageien und Tukane, vielfarbige Kolibris und Paradiesvögel schwirren umher – und mit ihnen die Gedanken.

Ein Dutzend Jahrhunderte zuvor stiegen Maya-Priester die steilen Stufen empor, opferten eigenes Blut oder aber gefangene Krieger auf der oberen Plattform der Pyramide, um die Götter der Unterwelt gnädig zu stimmen. Die Priester und Herrscher der Maya waren geachtet, aber auch gefürchtet.

Gab es schließlich zu viele Adlige und Priester, die die Bauern ernähren mussten? Standen die Untertanen gegen die Eliten auf?

Fest steht: im Jahr 900 verließen die Bewohner Tikals ihre Stadt für immer. Der Regenwald verschlang die vom Menschen geschaffene Welt aus Stein, Holz und Ton. Sehr langsam erst und behutsam entreißen die Archäologen der Natur die kulturellen Schätze. Mehr als drei Viertel der eins mächtigen Stadt ruht bis heute sanft unter Hügeln. Jaguare, Ozelote und Puma durchstreifen die Wälder, Tapire und Pecaris überqueren sie. Die Brüllaffen in den Baumwipfeln kümmern sich wenig um die Werke ihrer menschlichen Verwandten.

Wer heute mit offenen, wissenden Augen und wachem Verstand den Tikal Nationalpark durchwandert, der sieht staunend und ergriffen die frei gelegten Höhepunkte der Maya-Kultur. Die verschütteten Werke jedoch erblickt er in seiner Fantasie.

Stephan Brües (Text und Fotos, erschien im August/September 2005 in der Zeitschrift "Latin.am".)


Marina aus Guatemala – Der unendliche Weg zur Freiheit

Marina*_1999Marina Dominguez* war 22, als ich sie in Guatemala Stadt traf. In ihrer Brust kämpften zwei Seelen ständig miteinander: Da war die traditionell zurückhaltend-schüchterne Art der meisten guatemaltekischen Frauen ebenso vorhanden wie Mut, Neugier und der Wille,  frei und unabhängig zu sein.

Sie lebte damals als Flüchtling in Mexiko nahe Cancun. Dorthin war sie mit 8 Jahren vor den Schergen der Militärdiktatur geflohen. Sicher der tiefste Einschnitt in ihrer Biografie. Ohne dieses Ereignis wäre ihr Leben wie das der meisten Guatemaltekinnen auf dem Land verlaufen. Sie selbst, geboren als eines von 13 Kindern eines Landarbeiters, hätte in der intimen Gemeinschaft ihres Dorfes in jungen Jahren einen Mann gehabt und wäre Hausfrau und Mutter vieler Kinder geworden.

So aber begann ein neues Leben in Mexiko, eines das die guatemaltekischen Flüchtlinge materiell besser stellte als in den ländlichen Regionen ihrer Heimat. Aber die Mehrheit der Flüchtlinge wollte zurück in ihr Land, selbstbestimmt und selbst organisiert. Selbstbestimmung – das gilt auch für Frauen. Gemeindevorstände aber waren nur Männer. So haben Frauen wie Marina IXMUCANÉ gegründet. Sie engagieren sich für die Rechte von Frauen, für deren Ausbildung, z.B. in der Herstellung von Hängematten oder in der Hühnerzucht. Projekte werden mit Unterstützung einiger Männer angestoßen. Und doch hört Marina ständig, es sei doch langsam Zeit, einen Ehemann zu finden und Mutter zu werden.

Mutter ist sie geworden. Mit 20 bekam sie in Mexiko eine Tochter. Der Vater, ein Spanier, machte sich aus dem Staub. Alleinerziehende auf dem Land zu sein, ist keine gute Voraussetzung, „meine bessere Hälfte“ zu finden. Oder „ein Opfer“, wie Marina es sarkastisch formuliert. Das traditionelle Familienleben hat in dieser Situation seine Vorteile: es gibt ein Heim, zu dem sie immer kommen kann, an dem ihre Tochter versorgt ist. Das galt in Mexiko und gilt weiter, als die Familie  nach Guatemala zurückkehrt.


Aber eine enge Familienbande engt auch ein. „Mit meiner Familie zusammen zu sein,  ist auch schön, aber nicht mein ganzes Leben“, erklärt sie. Wenn sie zu Hause sei, müsse sie sich um ihre Eltern kümmern, um ihr Kind. Selbst bei Feiern könne sie sich nicht amüsieren. „Nur in Santa Elena fühle ich mich frei“, sagt Marina. Sie arbeitet zeitweise für eine NRO in der Hauptstadt des Departements Petén. Sie lernt den Umgang mit Computern und macht ihren Schulabschluss. Sie verdient aber wenig Geld und ist daher oft verzweifelt.

Während wir am Ufer des Tayasalsees die Enten beobachten, seufzt sie, so friedlich und frei möchte sie auch leben und erzählt mir folgende Geschichte: Sie handelt von einem Mann und einer Göttin. Der Mann wollte alle Frauen gleich lieben und so vergewaltigte er die Göttin. Diese verlor ihre Unschuld und schließlich brachte sie ihn um und dann sich selbst. Beide wurden wiedergeboren, sie als Mann und er als Frau. So konnte sie (als Mann) den Spieß umdrehen. Das gefällt Marina und die Hoffnung, dass sich ihre Träume, unabhängig zu leben,  zu arbeiten und zu lieben, dereinst erfüllen werden, kehrt zurück.

Stephan Brües (Text und Fotos, erschien im August/September 2005 in der Zeitschrift "Latin.am".)


Demonstration von CONAVIGUA
zu "Marina aus Guatemala"

"Gesetz über einen Freiwiligendienst" in Guatemala

(veröffentlicht in "Zivilcourage", Heft 1/2004)
Demonstration von CONAVIGUA © Prensa Libre 2003

Ich habe schon zweimal in der Zivilcourage (zc 3/96 und zc 3/97)über den Wunsch vieler sozialen Bewegungen in Guatemala berichtet, ein Gesetz über Kriegsdienstverweigerung bzw. ein Gesetz zur Abschaffung der Wehrpflicht und der Zwangsrekrutierung durchzusetzen.

Die Witwenorganisation CONAVIGUA, deren Präsidentin Rosalina Tuyuc auch ein paar Jahre Kongressabgeordnete war, hatte einen Gesetzentwurf über einen "Freiwilligen patriotischen Dienst" (so heißt er leider übersetzt) präsentiert, der viele Jahre in Schubladen des Kongresses verschwand. Gerade das Militär versuchte mit allen Mitteln, ein solches Gesetz, das ihren willkürlichen Zugriff auf die männliche Jugend des Landes beenden sollte, zu verhindern.

Die langjährige Lobbyarbeit von CONAVIGUA, der Katholischen Kirche, Studierenden und anderen Gruppen der guatemaltekischen Zivilgesellschaft hatte im Sommer 2003 Erfolg. Im Mai wurde - quasi zum Tag des Kriegsdienstverweigerers - ein Gesetz vom Kongress verabschiedet, das einen Zwangsdienst für Jugendliche in Guatemala endgültig verunmöglichte. Allerdings kommt in diesem "Gesetz über einen BürgerInnendienst" der Begriff Kriegsdienstverweigerung nicht vor, weil es - mit einer Einschränkung, zu der ich noch kommen werde - eben ein Gesetz über einen Freiwilligendienst für den Staat ist. Es funktioniert so: alle 18-24-jährigen, also beiderlei Geschlechtes, werden registriert. Im Januar gibt es eine öffentliche Verlautbarung, dass eine festgelegte Anzahl von - bezahlten - Plätzen beim Militär oder aber in sozialen, Bildungs-, Umwelt-, Kultur- und Sporteinrichtungen zu vergeben seien. Innerhalb von 5 Monaten sollen sich die Jugendlichen freiwillig melden und sagen, wo sie denn ihren Dienst tätigen wollen. Eine Begründung für diese Entscheidung wird nicht verlangt. Somit sind beide Möglichkeiten gleichrangig. Sind bis Mitte Juni die Plätze nicht von Freiwilligen besetzt, tritt die Aufweichung des Prinzips der Freiwilligkeit auf den Plan: nun wird nämlich aus den sich nicht zurückgemeldeten Jugendlichen die noch fehlende Anzahl an freien Plätzen zugelost - auch hier können die Jugendlichen dann aber aussuchen, wo sie dann ihren Dienst machen müssen. Wer sich weigert, wird formaljuristisch nicht belangt oder bestraft, aber - wie es im Gesetz heißt - es soll ihm die Übernahme eines Arbeitsplatzes oder Amtes in der öffentlichen Verwaltung verwehrt werden.

Es gibt natürlich die üblichen Ausnahmeregelungen bei Krankheit, Behinderungen, einzigen Ernährern der Familie, etc. . Die Dauer beträgt "bis zu 18 Monate", wobei es auch eine Möglichkeit gibt, nicht Vollzeit beschäftigt zu sein, sondern mal so zwischendurch oder am Wochenende einen Dienst zu verrichten. Verlangt wird dann der Nachweis von insgesamt 728 Stunden.

Das Gesetz trat im Juni 2003 in Kraft. CONAVIGUA, der Jugendverband der Kriegsdienstverweigerer und andere Analysten nennen es einen Schritt zur Demilitarisierung. Über den Militärdienst wird in dem Gesetz nur gesagt, er solle an einer Militärdoktrin ausgerichtet sein, die sich an der Einhaltung der Menschenrechte orientiert, ansonsten würden bezüglich des Militärdienstes die Gesetze gelten, die für Militärangehörige im Land bereits existieren. In Frage gestellt wird Militärisches hier also grundsätzlich nicht. Das politisch brisante Thema Kriegsdienstverweigerung konnte so geschickt umgangen werden.

Trotzdem kann ein solches Gesetz in einem durch und durch vom Militär geprägten Land wie Guatemala, das in seiner 180-jährigen Geschichte öfter von Offizieren als von Zivilisten regiert wurde, nur als Fortschritt begrüßt werden - und es zeigt sich, dass sich ein langer Atem der Gruppen der Zivilgesellschaft am Ende auszahlt.

Wer des Spanischen mächtig ist, kann sich den Gesetzestext anschauen unter http://www.congreso.gob.gt/Pdf/Decretos/DECRETOS%202003/D-20-03.pdf

Stephan Brües