Marina aus Guatemala – Der
unendliche Weg zur Freiheit
Marina Dominguez* war 22, als ich sie in Guatemala
Stadt traf. In ihrer Brust kämpften zwei Seelen ständig miteinander:
Da war die traditionell zurückhaltend-schüchterne Art der meisten
guatemaltekischen Frauen ebenso vorhanden wie Mut, Neugier und der Wille,
frei und unabhängig zu sein.
Sie lebte damals als Flüchtling in Mexiko nahe Cancun. Dorthin
war sie mit 8 Jahren vor den Schergen der Militärdiktatur geflohen. Sicher
der tiefste Einschnitt in ihrer Biografie. Ohne dieses Ereignis wäre
ihr Leben wie das der meisten Guatemaltekinnen auf dem Land verlaufen. Sie
selbst, geboren als eines von 13 Kindern eines Landarbeiters, hätte in
der intimen Gemeinschaft ihres Dorfes in jungen Jahren einen Mann gehabt und
wäre Hausfrau und Mutter vieler Kinder geworden.
So aber begann ein neues Leben in Mexiko, eines das die guatemaltekischen
Flüchtlinge materiell besser stellte als in den ländlichen Regionen
ihrer Heimat. Aber die Mehrheit der Flüchtlinge wollte zurück in
ihr Land, selbstbestimmt und selbst organisiert. Selbstbestimmung – das gilt
auch für Frauen. Gemeindevorstände aber waren nur Männer. So
haben Frauen wie Marina IXMUCANÉ gegründet. Sie engagieren sich
für die Rechte von Frauen, für deren Ausbildung, z.B. in der Herstellung
von Hängematten oder in der Hühnerzucht. Projekte werden mit Unterstützung
einiger Männer angestoßen. Und doch hört Marina ständig,
es sei doch langsam Zeit, einen Ehemann zu finden und Mutter zu werden.
Mutter ist sie geworden. Mit 20 bekam sie in Mexiko eine Tochter.
Der Vater, ein Spanier, machte sich aus dem Staub. Alleinerziehende auf dem
Land zu sein, ist keine gute Voraussetzung, „meine bessere Hälfte“ zu
finden. Oder „ein Opfer“, wie Marina es sarkastisch formuliert. Das traditionelle
Familienleben hat in dieser Situation seine Vorteile: es gibt ein Heim, zu
dem sie immer kommen kann, an dem ihre Tochter versorgt ist. Das galt in Mexiko
und gilt weiter, als die Familie nach Guatemala zurückkehrt.
Aber eine enge Familienbande engt auch ein. „Mit meiner Familie zusammen zu
sein, ist auch schön, aber nicht mein ganzes Leben“, erklärt
sie. Wenn sie zu Hause sei, müsse sie sich um ihre Eltern kümmern,
um ihr Kind. Selbst bei Feiern könne sie sich nicht amüsieren. „Nur
in Santa Elena fühle ich mich frei“, sagt Marina. Sie arbeitet zeitweise
für eine NRO in der Hauptstadt des Departements Petén. Sie lernt
den Umgang mit Computern und macht ihren Schulabschluss. Sie verdient aber
wenig Geld und ist daher oft verzweifelt.
Während wir am Ufer des Tayasalsees die Enten beobachten,
seufzt sie, so friedlich und frei möchte sie auch leben und erzählt
mir folgende Geschichte: Sie handelt von einem Mann und einer Göttin.
Der Mann wollte alle Frauen gleich lieben und so vergewaltigte er die Göttin.
Diese verlor ihre Unschuld und schließlich brachte sie ihn um und dann
sich selbst. Beide wurden wiedergeboren, sie als Mann und er als Frau. So
konnte sie (als Mann) den Spieß umdrehen. Das gefällt Marina und
die Hoffnung, dass sich ihre Träume, unabhängig zu leben,
zu arbeiten und zu lieben, dereinst erfüllen werden, kehrt zurück.
Stephan Brües (Text und Fotos, erschien im August/September
2005 in der Zeitschrift "Latin.am".)