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Kriegsdienstverweigerung als Lebensanschauung
- Die Friedensbewegung in Ecuador
"Friedensgruppen in Ecuador? Was, das gibt's ?" Aufmerksame
Leser der "Zivilcourage" wissen es schon längst (zc 5/99) - aber ja. Servicio
Paz y Justicia (SERPAJ) arbeitet nun schon seit fast 10 Jahren in den Bereichen
KDV, Gewaltfreiheit und gegen US-Militärbasen. Nach einem dreiwöchigen Ecuador-Urlaub
im Mai 2000 stellt Stephan Brües deren Arbeit kurz vor:
Struktur von SERPAJ
SERPAJ hat ca. 70 Mitglieder. Dies bedeutet, dass er nicht aus der Finanzkraft
seiner Mitglieder existieren kann, sondern auf die finanzielle Unterstützung
aus dem Ausland angewiesen. Diese gibt es jedoch, v.a. aus Österreich und
den Niederlanden, so reichlich, dass ein großes Büro mit sechs hauptamtlichen
Mitarbeitern (inkl. Sekretärin) unterhalten werden kann. Es gibt zwei Computer
mit Internet-Anschluss, einen 2/86er, mehrere Telefone und Fax, sowie Kopierer.
An der Küste gibt es vier weitere kleine Büros. Viele Mittel sind Projektmittel
für bestimmte Veranstaltungsreihen, Seminare und Jugendarbeit.
KDV
Vinicio Jiminez Jiminez war vor gut fünf-sechs Jahren der erste junge
Mann, der sich öffentlich zum KDVer erklärte.(1) Damals kannte die Gesellschaft
und die Politik die Kriegsdienstverweigerung noch nicht. Erst 1997 wurde das
Recht auf Kriegsdienstverweigerung in die Verfassung Ecuadors aufgenommen:
"Es besteht die Wehrpflicht. Der Bürger sei verpflichtet zu einem Zivildienst,
wenn er eine Kriegsdienstverweigerung, die auf moralischen, religiösen oder
philosophischen Motiven gegründet ist, geltend macht. Näheres regelt ein Gesetz."
Dieses Gesetz gibt es jedoch nicht.
Für SERPAJ ist die Kriegsdienstverweigerung mehr als nur die Ablehnung
des Militärdienstes. Sie ist eine Lebenseinstellung, die Forderung nach Gewaltfreiheit,
bzw. die Absage an individueller und kollektiver Gewalt. Er hat die Zielvorstellung
einer tief greifenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderung, die an den
Menschenrechte und der Menschenwürde (v. a. auch der ärmeren Bevölkerungsschichten)
orientiert ist. Auch der politische Kampf gegen die Zahlung der Auslandsschulden
(im Rahmen der Erlassjahrkampagne/Jubilee 2000) gehört für SERPAJ zum Thema
Kriegsdienstverweigerung.
SERPAJ fordert für eine Übergangszeit einen Alternativdienst
zum Militärdienst. Er müsse in Inhalt und Struktur dem Militärdienst diametral
entgegengesetzt organisiert werden. Er soll zur Unterstützung marginalisierter
Gruppen und vor allem auch Jugendlicher dienen, könne aber auch ökologische,
Kultur-, Menschenrechts- und Entwicklungsarbeit umfassend. Er soll nicht als
billige Arbeitskraft missbraucht werden. SERPAJ ist dabei, einen entsprechenden
Gesetzentwurf in die Öffentlichkeit und das Parlament zu bringen.
Gewaltfreiheit
Der Bereich Gewaltfreiheit hat für SERPAJ vor allem mit Friedenserziehung
zu tun. Er arbeitet im Netz von Jugendorganisationen mit und versucht dort
gewaltfreie Konfliktbearbeitungsstrategien zu propagieren und aufzuzeigen.
Es gibt immer wieder Workshops und Referate zu diesem Thema, auch auf lateinamerikanischer
Ebene.
US-Militärbasen
SERPAJ macht z.Zt. eine Kampagne gegen die US-Militärbasen in Lateinamerika.
Sie ist koordiniert mit ROLC (Netzwerk der KDVer in Lateinamerika und der
Karibik) und hat das Ziel, alle US-Militärbasen in Lateinamerika aufzulösen
(Gringos go home !) Dass das in einem Land, dessen eigene Währung immer
schwächer wird und in dem ab 01.07.2000 der Dollar als Hauptwährung gilt,
ein äußerst schwieriges Vorhaben ist, dürfte klar sein.
16. Mai 2000: Veranstaltung zum Tag des Kriegsdienstverweigerers:
"Ser-vicio militar - no gracias"(2) - "Militärdienst - nein danke" steht auf
dem Transparent im Cafe Libre in Quito, in dem SERPAJ eine gut besuchte Veranstaltung
zum Tag des Kriegsdienstverweigerers durchführte. Unter der Moderation von
Gualdemar Jiminez Parton (der im August 1999 auf der WRI-Tagung in Steinkimmern
war) gab es neben Wortbeiträgen von Mitgliedern der AG "G.O.C.E." (Gruppe
der KDVer Ecuadors) innerhalb der SERPAJ ein umfangreiches Kulturprogramm.
Unter anderen trat der bekannteste
politische Liedermacher des Landes, Jaime Guevara auf. Er wirkt wie eine
Mischung aus Franz-Josef Degenhardt und Dietrich Kittner. Seine Frau arbeitet
im Büro von SERPAJ und will für ein Jahr nach Chiapas, um die Arbeit der
Peace Brigades International kennen zu lernen.
Eingeladen war ein in Lateinamerika sehr bekannter Pantomime und
Tänzer, Wilson Pico, der auch in Deutschland schon auf Tournee war. Er gab
eine beeindruckende Performance eines Soldaten.
Schließlich sprach der Lateinamerika-Experte der DFG-VK, Stephan
Brües, eine Grußbotschaft, in der er den ca. 60 Anwesenden die Geschichte
der Kriegsdienstverweigerung in Deutschland seit 1949 und die heutige Situation
erzählte.

Dabei stellte er auch klar, dass das System des Zivildienstes
in seinem Land kein Vorbild für einen Alternativdienst in Ecuador sei. Vielmehr
solle SERPAJ seine ganze Kraft in die Durchsetzung seiner eigenen Vorstellungen
stecken. Von der viel globaleren Sicht von Kriegsdienstverweigerung könnten
auch die KDV-Gruppen in Europa sehr viel lernen.
Anmerkungen:
(1) Vinicio ist leider 1999 an einer Krankheit gestorben. Er fehlt
der Bewegung sehr und es gibt keine Broschüre und keine Veranstaltung, in
der nicht an ihn erinnert wird.
(2) ser-vicio ist ein Sprachspiel, das erst durch einen Blick ins Wörterbuch
klar wurde. "Ser" heißt "sein"; "vicio" ist "der Fehler"/"das Laster". Derjenige,
der also den "ser(-)vicio militar" leistet, ist ein Laster oder begeht einen
Fehler, je nach dem wie es interpretiert werden mag.
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